Sonntag, 16. Januar 2011

Das beste aus der Situation machen

Es gibt da ein Thema, bei welchem ich ziemlich gespalten bin: einerseits rede ich nicht gerne darüber, da ich nicht bedauert werden möchte und das Mitleid auch gar nicht brauche - zumal mein Thema angesichts des übrigen Leidens in dieser Welt auch wirklich gar nichts ist. Andererseits rede ich aber doch sehr gerne darüber, um genau das zu zeigen: es ist eigentlich nichts, hat mich dann persönlich in meinem Leben doch stark getroffen, ich komme aber jetzt gut damit zurecht, und möchte anderen Betroffenen mit meiner Geschichte helfen, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen um ebenfalls mit ihrem Los zurecht zu kommen.
Wovon die Rede ist? Von meiner rechten Hand.



Vor mittlerweile fast sieben Jahren hatte ich beim Praktikum bei einem Buchbinder einen Arbeitsunfall, bei dem die ersten Glieder der Zeige-, Mittel- und Ringfingers meiner rechten Hand in die hydraulische Presse kamen. Beim reflexartigen Rausziehen der Hand aus der Presse kam für die etwas dickeren Fingerglieder von Mittel- und Ringfinger jede Hilfe zu spät, während der Zeigefinger "nur" total gequetscht und ziemlich eingerissen war.
Die platten kerzenwachsähnlichen Ex-Fingerglieder in Form von Zwei-Euro-Stücken hat mir mein Chef in einem Plastiktütchen mitgegeben als der Rettungswagen mich abholte. Der Arzt konnte davon dann noch Gewebestücke verwenden um die Stümpfe so lang wie möglich zu erhalten (O-Ton Arzt: "Die Schwester, die das hier wegschmeißt, der ziehe ich ohne Betäubung jeden Fingernagel einzeln ab!")
Ja, es war wirklich sehr unappetitlich, viel schlimmer als ich es hier geschrieben habe. Aber ich wollte Euch ja nicht über meine persönliche blutige eklige Horrorgeschichte erzählen, sondern über das, was danach kam.

Vom Unfallgeschehen unter Schock hatte ich erstmal nicht genau gewusst, WIEVIEL denn nun wirklich passiert ist. Das Erwachen kam dann erst am Tag danach, als die Gipshalbschiene runtergemacht wurde, damit ich die Finger in einem Jodbad waschen sollte und der Arzt die Wundentwicklung anschauen konnte. Ich habe fast nichts gesehen wegen meiner Tränen. Es war furchtbar!

Aber gleichzeitig hatte ich eine Zimmernachbarin, die schon anderthalb (?) Monate vorher ebenfalls mit der rechten Hand, und sogar mit den drei gleichen Fingern wie ich in eine Walze gekommen ist. Genauere Schilderungen erspare ich euch, sie hatte auf jeden Fall schon eine Menge Operationen hinter sich, auch Hauttransplantationen, und ihre drei Finger bestanden alle nur noch aus zwei Gliedern. Sie konnte sie nach dieser langen Zeit immer noch kaum bewegen, aber sie strahlte so sehr, als sie ihre kurzen steifen Finger unter großen Anstrengungen hat wackeln lassen - da kam ich mir mit meinen sogenannten "Stanzverletzungen" so klein und unwichtig vor! Sie hat mir wie gesagt sehr geholfen, ihr Mut, ihre Hoffnung, ihre Freude über diese von außen gesehen doch so winzigen Fortschritte...

Montag war der Unfall, Donnerstag wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen, und gleich die Woche drauf wurde die Gipsschiene endgültig entfernt und ich bekam schicke Fingerlinge über die Finger gezogen, sollte ordentlich üben und bekam auch gleich Krankengymnastik und Lymphdrainage verschrieben, und bekam noch regelmäßig ambulante Kontrolltermine in der Klinik. Die erste Zeit nach der OP sollte ich meine Hand immer höherlagern, immer oberhalb des Herzens, beim Liegen, beim Sitzen, beim Gehen. Wenn ich sie versehentlich habe hängen lassen, hat sie sofort unter dem einströmenden Blut angefangen zu pochen wie verrückt. Die Hand war auch sehr kälteempfindlich - die beiden Stümpfe sind es bis heute. Selbst im Hochsommer ist der Mittelfinger oft kalt, und im Winter kann ich es mir gar nicht leisten, ohne Handschuhe nach draußen zu gehen, sonst wird er sofort eiskalt und blau und schmerzt höllisch.
Irgendwann waren dann auch die Fingerlinge weg - das war wiederum eine Hürde für mich, denn durch die Fingerlinge ist das mit den kurzen Fingern nicht so aufgefallen. Jetzt waren die empfindlichen Finger mit den noch nicht ganz verschwundenen Krusten der Öffentlichkeit preisgegeben. Aber auch das wurde besser. Im April fiel dann der Fingernagel vom Zeigefinger endgültig ab, der neue wuchs schon fleißig nach, und auch am Ringfinger zeigte sich ein neuer Nagel. Er ist zwar ein bißchen verwachsen, aber er schützt wenigstens den Stumpf vor Stößen. Der Mittelfinger hat diesen Schutz nicht. Stellt Euch eure Fingerknöchel vor, wenn ihr damit versehentlich an eine harte Wand knallt, oder ihn Euch auf einer rauhen Oberfläche aufschrabbt - das ist mein Ringfinger!

Aber ich kann meine Hand wieder benutzen! Fast einschränkungslos! Ich kann Stifte halten, Werkzeuge, Handarbeitszeug, ich kann malen, im Garten buddeln, kochen, schreiben, tippen. Ich kann fast alles, was ich vorher auch konnte - außer Gitarre spielen. Das hat mich sehr geschmerzt. Für Konzertgitarre brauche ich weiche Fingerkuppen und gerade normale längere Fingernägel. Ich brauche dazu Daumen, Zeige-, Mittel- und Ringfinger der rechten Hand. Das kann ich nun nicht mehr. Denn nur mit drei Fingern (kleiner Finger anstatt Mittel- und Ringfinger) geht es leider nicht, und die "Kralle" am Ringfinger ist nun gar nicht für die Gitarre geeignet. Ich hatte mal angefangen, mir selbst Prothesen für das Gitarre spielen zu basteln, aus Modelliermasse, Leder und alten Klarinettenzungen, die mir meine Cousine gegeben hatte. Das liegt jetzt noch als Ufo in irgendeiner Schublade. Manchmal trauere ich auch heute noch, da ich immerhin acht lange Jahre Gitarrenunterricht genommen hatte.

Vor etwa einem Jahr durfte ich mir dann ein elektrisches Klavier leisten, und ein Buch, mit dem ich mir das selbst beibringen möchte. Denn das war eigentlich seit der Kindheit mein Trauminstrument, das Klavier, wir hatten nur keinen Platz in der Mietwohnung, deshalb wurde es dann "nur" die Gitarre. Ich habe sogar oft gesagt, dass mein Zukünftiger unbedingt, unbedingt Klavier spielen können muss. Naja, aber wo die Liebe hinfällt... In meinem Fall auf ein absolut unmusikalisches Stück Sand ;-) Aber wenn dieser Sand zu so einem schönen Traumstrand gehört, wie es der Glücksgriff mit meinem Männe war, da eben ALLES andere, eben außer dem Klavierspielen, GENAU das ist, was ich brauche - wer will da klagen? ;-)
Und jetzt möchte ich mir eben selbst das Klavierspielen beibringen - und wenn ich mich öfter dahinsetzen würde, könnte es sogar klappen...

Aber jetzt bin ich schon wieder vom Thema abgeglitten. Am Anfang habe ich dann noch ein wenig im Internet recherchiert, habe ich Foren gelesen, wo verschiedene Menschen über ihre Amputationen geredet haben, die meist aber deutlich schlimmer waren als meine, ganze Arme, ganze Beine, oder auch nur ganze Finger. Einer war dabei, der hat wohl nur noch drei Finger an seiner Hand, der hat erzählt, dass noch fast nie jemanden das aufgefallen sei, es hätten nur mal Leute gefragt, warum er denn den Stift "so komisch hält". Auch das hat mir die Angst vor der Öffentlichkeit und dem befürchteten Starren genommen. Denn schließlich: was habe ich denn, im Vergleich mit all den weit mehr beeinträchtigten Menschen auf dieser Welt?

Es gibt aber auch noch eine Sache, die ist in mir hängengeblieben: ich reagiere total empfindlich auf Filme und vor allem die Reaktionen der Zuschauer darauf. Wenn im Film Körperteile abgehackt werden, z.B. in Kriegsszenen, aber auch in Krimis, wenn der Finger zwecks Erpressung an die Familie geschickt wird, dann wird mir persönlich schlecht. Umso mehr, wenn das dann nicht weiter im Film thematisiert wird, das Leid, das persönliche Schicksal dieses Menschen, wie sein ganzes weiteres Leben von dieser "gedankenlosen" Szene weiter beeinträchtigt werden wird. Und, noch schlimmer, wenn sowas z.B. in Comedy-Sketchen gezeigt wird und die Zuschauer wegen der "witzigen" Szene nur darüber lachen, ohne weitere Gedanken darüber. Ansonsten, wenn es sich um "echtes" Blut handelt, Dokus über Operationen und echte Schicksale, da habe ich kaum Probleme damit, da ich weiß, dass allen Beteiligten der Ernst und die Folgen der Situation durchaus bewusst ist bzw. noch bewusst werden muss. Aber diese brutale Gedankenlosigkeit und Nebensächlichkeit bei diesen fiktiven Szenen... Da wird mir schlecht, und das meine ich wirklich so. Vielleicht gibt sich das irgendwann wieder, aber vorerst kann ich sowas nicht mehr ansehen.

So, zurück zum Thema:
Zusammenfassend muss ich sagen, dass meine Hand zwar auch im Alltag wegen ihrer empfindlichen Stellen und dem Narbengewebe mehr Rücksicht braucht, aber ansonsten voll beweglich und benutzbar ist. Niemandem fällt auf, dass "etwas nicht stimmt", wenn ich es ihm nicht direkt sage und zeige. Selbst Kollegen, mit denen ich schon über zwei Jahre täglich zusammenarbeite schrecken zusammen, wenn ich ihnen das eines Tages sage und meinen, das wäre ihnen noch nie aufgefallen. Mir geht es also wirklich gut damit, und meine "Behinderung" ist mir so überhaupt nicht mehr bewusst. Ich lebe damit! Und ich lebe gut! Sehr gut! Besser als ich es je gedacht hätte, denn ich lebe (fast) genauso wie vor dem Unfall!

Ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte vielleicht mal jemandem helfen kann, der in eine ähnliche Situation gekommen ist, denn gerade am Anfang ist es sehr schwer, sich auf diese ganz neue Situation einzustellen, da eben noch gar nicht abschätzbar ist, wie es weitergehen wird.
Wie schon gesagt: mit meinem Post möchte ich mich nicht selbst darstellen, erst recht keine Mitleids- oder Respektsbezeugungskommentare erzwingen (sorry, ich behalte mir sogar das Recht vor, entsprechende Kommentare zu löschen, denn das war mit Sicherheit nicht der Zweck dieses Posts, aber Fragen beantworte ich natürlich gerne - auch per Mail), sondern ich möchte dem allgemeinen Verständnis etwas mehr Material geben, mehr Verständnis, ein größeres Blickfeld, vielleicht sogar auch einen neuen Aspekt in der Sicht auf das eigene Leben und vielleicht ein bißchen Mut und Motivation.

Denn wir sind dazu fähig, mit vielem in unserem Leben zurechtzukommen, dazu, immer das Beste aus einer Situation zu machen - wir müssen es nur wollen!

Kommentare:

moggigalena hat gesagt…

Liebe Verena,
ich danke dir sehr für den Award! Auch wenn ich kein großer Fan bin (wie du...), freut sich mein Herz natürlich trotzdem über dein Kompliment :-) Ich nehme ihn auf jeden Fall mit - ob ich ihn weitergebe, muss ich mal sehen.

Ja, und dein Post hier - in der Hoffnung, nicht gelöscht zu werden... - ist sehr ehrlich. Ich kann deine Gedanken sämtlich nachvollziehen. Ich habe etwas ähnliches, bei dem ich auch stets vermeide, dass es jemand sieht. Aber das ist dumm, denn das bin doch schließlich ich, wie ich bin! Danke also für deine mutmachenden Worte!

Mein Schwager teilt übrigens dein Los in ganz ähnlicher Weise und mir ist es erst relativ spät aufgefallen (ihm fehlen auch 2 Fingerglieder). Und mittlerweile vergesse ich das auch die meiste Zeit, denn das macht ihn als Person schließlich nicht aus.

Liebe Grüße,
Monika

Ida - Garten-Keramik hat gesagt…

Guten morgen liebe Verena
Zuallererlst: Ganz herzlichen Dank für deinen lieben Kommentar bei mir. Du, das hat mich wirklich seeeehr gefreut und ich freu mich echt drüber, wenn ich mit meinen Beiträgen etwas in der Bloggerwelt zutun kann, obwohl - ich führ den Blog nicht (nur) um etwas zu zeigen, sondern auch, weil ich viel Spass dran hab und ich habe gesehen, wie viele Frauen es gibt, die ähnlich "gestrickt" sind wie ich und so viel Tolles auf die Beine stellen, was sonst irgendwie unbeachtet bleibt.

Und jetzt hab ich mit grossem Interesse deinen Bericht gelesen und kann dir ein ganz klitzeklein wenig nachempfinden. Nun, du warst so offen und ehrlich und ganz ehrlich, erst auf den zweiten Blick hab ich gesehen, dass bei deinen Händen etwas nicht so ist, wie es ist. Ja die Verletzungen und der Schmerz ist das eine, was aber so eine Verletzung IM Menschen anrichten kann, Narben hinterlassen kann, das ist das andere. Man ist nicht mehr die, die man mal war. Das allerwichtigste ist aber, das Schicksal anzunehmem, damit umzugehen, sich nicht zu verkriechen, nicht immer das Gefühl haben, dass die Menschen mit den Fingern auf einen zeigen ... denn nein, so ist es nicht. Mein Bruder hatte vor Jahren einen unheimlich schlimmen Unfall und er wär fast verbrannt. Äusserlich sind sehr viele Narben geblieben bis heute. Im Gesicht, an den Händen, es war einfach furchtbar. Und als er nach Monaten aus dem Spital kam, war sein erster Gang ins Dorf zu seinen Freunden. Er wollte sich nicht verstecken und ja hat sich gesagt, das bin ich und so bin ich heute. Äusserlich war er ein ganz anderer, aber ich glaub noch heute, innerlich ist er an seinen Narben gewachsen und hat fürs ganze Leben unheimlich viel mitgenommen. Er ist ein Mann und ich denke, Männer gehen vielleicht auch anders um. Eine Frau ist da wahrscheinlich nochmals empfindlicher, wenn ich da an mich denke, aber das Allerwichtigste ist wohl, nicht zu verzagen und das Allerbeste, irgendwie draus zu machen. Und - ich hoffe, du löschst meinen Beitrag nicht, wenn ich das jetzt sage: Aber du hast diese Verletzung mit allergrösster Kraft und sehr bewundernswert gemeistert und meisterst sie noch. Du hast das Leben wieder richtig in die Hand genommen und das Wichtigste, du siehst nicht das, was du nicht mehr machen kannst, sondern freust dich an dem, was du eben alles machen kannst. Hut ab!
Ganz liebe Grüsse und einen wunderbaren Wochenstart wünsch ich dir!
Ida

JACQUELINE hat gesagt…

Liebe Verena

herzlichen DANK für den AWARD habe mich riessig gefreut...auch über denn ersten...leider bin ich ein totales Computer ANTITALENT und muss jetzt erst mal meinen liebsten bitten das er das ganze mit denn Verlinkungen vornimmt...für das reicht mein Wissen nicht...habs mehr mit der hard als mit der software...auch herzlichen DANK für Deinen ehrlichen Bericht über Deine Finger, hat mich sehr beeindruckt wie Du den Unfall verarbeitet hast und strozt vor LEBENSFREUDE....hier sende ich Dir einen BLOG den Dich interessieren könnte...http://leuchtspuren.blogspot.com
alles liebe und einen wunderschönen Wochenstart
Jacqueline ♡

versponnenes hat gesagt…

Hej Verena,

zunächst zu Deiner Frage: die Zeitschrift gab es bei Rossmann, aber dort hat sie meine Nachbarin weggeschnappt. Ich habe sie nun bei ebay gefunden und bestellt. Ich glaube, ich habe 3,90 € plus Versandkosten gezahlt. Es lohnt sich auf jeden Fall, da wirklich viele wunderschöne Dinge dort enthalten sind.

Auch in der Hoffnung, nicht gelöscht zu werden, möchte ich Dir sagen, dass ich es mutig finde, wie Du Dein Problem darstellst.

Du schreibst, dass es andere gibt, die vielleicht ein viel größeres (körperliches) Problem haben. Ich finde jedoch, dass jedes Problem für einen selbst unschön ist. Hat man eine Grippe, ist man unglücklich ohne in dem Augenblick zu denken, dass sie ja nächste Woche wieder weg ist.

Jede Krankheit oder Behinderung ist schlimm und vor allem, wenn man es nicht mehr ändern kann, muss man lernen damit zu leben. Ich finde, Du stellst wunderbar dar, wie Du damit leben kannst!

Mach weiter so! Hab eine schöne Woche! Katja

ClaudiasBayernCottage hat gesagt…

Liebe Verena,

eben bin ich auf Deinen Blog gestoßen und muss sagen: DONNERWETTER !!!!
Du gibst dir soooo unglaublich Mühe mit Deinen Posts,ob nun mit dem ELO - Schnuffel oder Deiner Hand (hab auch nix gesehen), das sind so richtige kleine Dokus! Da kommt so ein richtiger Funke rüber von Seele und Herzlichkeit, sehr angenehm in der heutigen Zeit !!!
Bleib, wie Du bist !!
gggggggggglg Claudia

p.s. bin froh, wenn ich überhaupt mal ein "Kurzpost" schaffe......

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