Sonntag, 19. September 2010

Erste Hilfe in der anonymen Öffentlichkeit - Und was tust Du?

Am Freitag war es, wir hatten grad ein paar Pflanzen gekauft und wollten aus dem Gewerbegebiet nach Hause fahren, da sehen wir rechter Hand einen jungen Mann auf dem Gehweg liegen, sehr blass, sein Fahrrad liegt neben ihm.

Ich steige sofort aus, Männe dann ebenfalls, ich schick ihn aber zurück zum Auto, das er einfach auf der Straße hat stehen lassen, damit er es auf einen Parkplatz stellt, und er nicht durch das mitten auf der Straße stehende Auto noch weitere Unfälle provoziert. Ich spreche den Liegenden an, er ist bei Bewusstsein. Meint, es täte nichts weh. Kaum bin ich aber bei dem Patienten, kommen lauter Leute her. Eine junge Mutter mit Säugling auf dem Arm meint sofort, sie mache jetzt den Notruf und holt das Handy raus - das find ich wirklich super, denn ich selbst hatte kein Handy dabei. Dann kommen mehrere andere Leute her, sie hätten es schon gesehen, er sei vorher schon gefallen, ob ich denn Hilfe bräuchte und so. Aber erst ab dem Moment, wo ich zu ihm hin bin, nicht vorher. Das ganze dauert höchstens eine, anderthalb Minuten, dann kommt Männe mit seiner weltenrettermäßg gepimpten Erste-Hilfe-Tasche (zusätzlich zum normalen Verbandskasteninhalt mit Blutdruckmanschette, Stethoskop, Pulsoximeter, und vielem mehr) und ich kann die Verantwortung an ihn abgeben. Ich kümmere mich dann darum, noch eine Decke aus dem Auto zu holen, um den Patienten zuzudecken, frage ihn dann nach dem Code für sein Fahrradschloss, und bringe das Rad zu einem Fahrradständer in der Nähe und schließe es ab. Dann kommt auch schon der Rettungswagen um die Ecke.

Letztendlich war es wahrscheinlich ein Schock, denn er ist wohl vorher mit seinem Rad gestürzt, hat sich dabei hinten einen Platten zugezogen, und da er auf die Straße gestürzt ist, und da vielleicht auf dieser vielbefahrenen Straße auch noch ein Auto auf ihn zukam - da hat dann wohl der Kreislauf schlapp gemacht. Er ist von der Straße runter, wollte weiterfahren oder wegen des Plattens gehen - aber ihm war schwindelig, er hat sich auf den Boden gesetzt, es wurde nicht besser, und er hat sich hingelegt. Und so haben wir ihn gefunden.
Was da genau passiert ist, kann ich nicht sagen, denn ich selbst habe nur wenig von seiner Schilderung mitbekommen, da ich meist unterwegs war, wegen Decke und Rad. Er hatte auch nur eine kleine Verletzung am Daumen.

Warum ich das erzähle? Weil es wieder die typische Situation der ersten Hilfe in der Anonymität unserer Gesellschaft war! Keiner traut sich, der erste zu sein, aber sobald einer anfängt, kommen alle her. Wieso? Ein Grund ist meiner Meinung nach dieses Gefühl nicht zu wissen, was man tun muss. Einmal im Leben für den Führerschein einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht, oder sogar nur den kürzeren LSMU (Lebensrettende Sofortmaßnahmen am Unfallort) und dann wieder alles vergessen.

Außerdem dann noch die typisch deutsche Bildungsstrategie...
Wiederbelebung in genau dem vorgegebenen Rhythmus
"Muss ich jetzt 15 mal drücken? Oder 30 mal? Oh, Mist, das waren jetzt ja schon 32! Wird er jetzt deshalb sterben? Und wie oft muss ich jetzt beatmen?"
oder eine ganz bestimmte Liegeposition
"Welcher Arm musste jetzt drunter gelegt werden? Und welches Bein aufgestellt? Und in welche Richtung muss ich ihn jetzt drehen? Wow, ist der schwer!"
Anstatt dass einfach das Prinzip erklärt wird
"Hauptsache der Mund ist an der tiefsten Stelle des Körpers, der Hals leicht nach hinten überstreckt, so dass eventuell Erbrochendes rausfließen kann und die Zunge nicht die Atemwege dicht macht"
und die Zahlen nur als Richtlinie
"Oft drücken um den Kreislauf in Bewegung zu halten, da das Herz ja auch 80 Schläge in der Minute macht, der Mensch aber nur eine Handvoll Atemzüge in der Zeit tut"

Es gibt ein paar Gedanken, die sich jeder Zweifelnde in so einer Situation machen sollte: Der Mensch, der da drüben liegt hat Probleme, womöglich wird er sterben - und ich bleibe hier stehen, aus Angst etwas falsch zu machen wenn ich ihm helfe? Und was wäre, wenn ich selbst derjenige wäre - oder wenn ein geliebter Mensch sich gerade irgendwo auf dieser Welt in einer ähnlichen Situation befindet und ihm kein Mensch hilft?

Manchmal ist es ja auch nur eine Kleinigkeit, die gemacht werden muss: Atemwege frei machen, stabile Seitenlage, und den Rettungsdienst alarmieren. Mehr nicht - und ein Leben ist gerettet. So einfach! Und wenn ich das nicht tue, wird der Mensch an seinem eigenen Erbrochenen (für das er in dem Moment nichts kann, da es einfach nur der Mageninhalt ist, der aufgrund der erschlaffenen Muskeln der Speiseröhre ausläuft) ersticken. Und jeder, der nur rumsteht und glotzt, riskiert eben das - ist sogar schuld daran! Dreckige Hände kann man abwaschen! Dreckige Kleidung ebenfalls! Einen Toten kann man aber nicht mehr lebendig machen! Was hindert mich daran zu helfen????

Sorry, ich habe wieder so viel geschrieben, aber ich könnte mich ewig aufregen! Überlegt aber wenigstens Ihr, wann Euer letzter Erste-Hilfe-Kurs war, und ob Ihr es Euch nicht leisten könnt, einen Tag zu opfern und ein kleines bißchen Geld, das je nach Organisation letztendlich wieder in den ehrenamtlichen Sanitätsdienst und damit in die Hilfe für EURE Liebsten fließt, um dann nochmal die Maßnahmen zu wiederholen, die im Ernstfall ein Leben retten könnten? Überlegt es Euch doch bitte! Wir brauchen mehr Leute auf dieser Welt, die den Anfang machen! Und glaubt mir, DANN bekommt Ihr auch sofort jede Menge Hilfe angeboten.

So, und da ein Post ohne Foto langweilig ist, hier noch ein Foto meines heutigen Frühstücks:

fränkische Wassermelone, Galia(?)melone, Feigen und ein Cashew-Bananen-Drink. Der übrigens vegane Drink war mal wieder so ein Experiment, von denen ich oft welche mache, wenn Männe, so wie seit gestern abend um sechs bis heute Mittag, mal wieder ehrenamtlich unterwegs ist um die Welt zu retten...

Kommentare:

versponnenes hat gesagt…

Hej Mohnrot,

uff, was für eine Geschichte. ABER recht hast Du!

Mein erste Hilfe Kurs ist zwar noch nicht lange zurück, aber trotzdem wüßte ich in so einer Situation vor Aufregung gar nicht, was ich tun sollte. Aber unser Dozent hat gesagt, besser man tut irgendwas als gar nix.

Dein Frühstück sieht aber sehr, sehr gesund aus!!! Schmeckt der Drink? Bist Du Veganerin? Ich bin ja seit 1994 Vegetarierin.

GGLG Katja

versponnenes hat gesagt…

Hej,

ich bin es noch einmal!

Mir war doch sehr danach, schnell zu antworten...

Versuch lieber nicht, Deine Leute in Deiner Umgebung umzupolen. Das habe ich auch versucht und es kam gar nicht gut an. Wie gesagt, ich bin seit 1994 Vegetarierin und weder mein Mann noch seine Kinder geschweigedenn meine Eltern oder andere Verwandte sind Vegetarier.

Aber sie haben akzeptiert, dass ich es bin und dass war mir auch wichtig. Wenn wir Grillen, dann bekomme ich eine "Extra-Wurst" aus Tofu oder ich bleibe einfach bei Salaten und Brot. Das reicht mir eigentlich auch.

Am Anfang war ich richtig missionarisch unterwegs und tendierte zum Veganertum, aber das war mir doch zu anstrengend (was man da alles über Ernährungslehre wissen muss...). Ich esse sogar wieder Fisch. Das habe ich auch Jahre lang nicht getan. Fisch ist mir "nicht so nahe" wie Lämmer, Kälbchen, Schweine oder Kühe. Wenn ich deren Augen sehe, dann bin ich fassungslos über alle Menschen, die so ein Wesen schlachten und essen können (siehst Du, da fängt es wieder an - das Missionarische - ...)

Aber letztendlich bekommen meine Haustiere auch Dosenfutter aus tierischen Produkten. Es ist ein Kampf, den man eigentlich nicht gewinnen kann. ABER man kann im Kleinen versuchen, für sich etwas zu ändern.

GGLG Katja

Fräulein Glückspilz hat gesagt…

GuckGuck!
Vielen lieben Dank für die lieben Kommentare zum Urlaub! Ja es war richtig schön und erholsam. Doch der Alltag hat einen schnell wieder :-(

Ja, sowas kenn ich ... die Leute gucken immer nur und keiner macht was... aber ihr habt auf jeden Fall vorbildlich gehandelt!

LiebeGrüße
nicole

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